Andacht zur Jahreslosung 2021

 

Die Geschäftsführung des Diakoniewerkes Westsachsen wünscht allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein gesegnetes neues Jahr.

Wir danken dem Superintendenten des Ev.-Luth. Kirchenbezirkes Zwickau für seine Andacht zur Jahreslosung:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Lukas 6,36

In einer seiner Weihnachtsgeschichten erzählt der englische Schriftsteller Carles Dickens die Geschichte von einem Mann, der die Erinnerung des Herzens verlor. Ebenezer Scrooge ist ein alter Geizhals geworden. Schroff weist er am Heiligen Abend den Vorsteher eines Armenhauses aus seinem Zimmer und lässt ihn leer ausgehen. Unbarmherzig fertigt er den eigenen Diener ab und wirft dem Neffen vor, er sei ein armseliges Gesindel. Gefühle oder Gedanken, die ihn in der Begegnung mit menschlichem Leid hätten leiten können, wecken keine Erinnerungen der Güte mehr in ihm. Die Liebe, die ihn von der Last der Vergangenheit befreit hätte, hatte er seit dem Tod seines Geschäftspartners Marley verloren. Die Bilanzen waren ihm wichtiger geworden als alles andere um ihn herum. Weihnachten betrachtete er als „dummes Zeug“. Das Streben nach Reichtum und Gewinn hatte ihn blind gemacht für Freundschaft und Liebe, die sich an diesen Tagen besonders zeigten. Dann wendet sich das Blatt. Ebenezer Scrooge erscheint am Heiligen Abend sein früherer Geschäftspartner Jacob Marley, der früher auch ein eiskalter Geschäftsmann war und es nun bitter bereut. Mittels verschiedener Gestalten führt Marley den alten Scrooge durch seine Vergangenheit, seine Gegenwart und seine Zukunft. Scrooge darf beobachten, wie er gelebt und sich verhalten hat und noch verhält. Daraufhin verändert sich sein Leben: aus dem boshaften alten Mann wird der Lieblingsgroßvater aller Kinder.

Beim Lesen der Jahreslosung für 2021 musste ich an diese wundervolle Geschichte denken. In ihr wird deutlich, welche Weite das Wort Barmherzigkeit umfasst. Sie ist nicht ausschließlich ein punktuelles Ereignis, sondern ein Handeln das früh beginnt. Barmherzigkeit wird angelegt in der Lebensgeschichte eines jeden Menschen. Das Kind ist genauso gefragt wie der junge Erwachsene oder der alte Mensch. Und sie ist angelegt in der Güte, mit der Menschen bereit sind einander zu begegnen. Wer das Gute und die Güte nie erfahren hat, für den wird es schwer sein, die Größe der Barmherzigkeit zu umfassen. Und auch wer sich dessen nicht mehr erinnern kann oder will, dass ihm selbst Barmherzigkeit und Güte geschenkt wurden, wird sich schwer damit tun, sein Herz für den anderen zu öffnen.

„Von jedem Menschen wird verlangt, dass er sein Herz auftut für seine Mitmenschen.“ – lese ich in der Erzählung von Charles Dickens und meine, da ist was Wahres dran. Denn die eigentliche tiefe Erinnerung des Herzens hat immer auch mit der Hoffnung zu tun, derer jeder Mensch bedarf. Jeder von uns könnte hier seine eigene Geschichte erzählen. Und vielleicht ist es ja auch so, dass dieses Jahr ein besonderes Jahr dafür werden darf.

Es ist der ungewöhnlichste Jahreswechsel seit langem. Die Corona-Pandemie beschäftigt uns. Sie wird, der Einschätzung von Experten folgend, noch einige Monate vielleicht auch Jahre noch Thema sein. Sie zeigt wie verletzlich Leben ist und bleiben wird. Die Nerven sind angespannt. Man sucht nach Lösungen. In Gesprächen ist von Beleidigungen und Verschwörungen die Rede. Aber mit Rechthaberei und Unbarmherzigkeit wird es nicht möglich sein, Heilung herbeizuführen oder heilend in der Krise zu wirken.

„Seid barmherzig“ höre ich Jesus sagen. Und das ist gut. Denn Jesus weist damit nicht nur auf die natürliche Eigenschaft des Menschen hin, sondern auf Gott der sich großzügig und bedingungslos uns Menschen zugewendet hat. In der Feldpredigt des Lukas, aus der die Jahreslosung stammt, spricht Jesus zu einer großen Menschenschaar, die gekommen war um ihn zu hören und von ihm geheilt zu werden.

Vielleicht müssten wir dieses auch tun. Das Leben nicht nur vereinnahmen sondern von Grund auf neu überprüfen, bereit sein, es als ein Geschenk für andere zu leben und zu betrachten. Es ist wohl keine kurze Chance um etwas aus den Möglichkeiten des Seins zu gewinnen, sondern eine Quelle der Güte. Sie fließt für eine neue Freiheit, für einen neuen Willen, der hereintritt in das Leben, das wir nicht regulieren können, weil es dem Geheimnis der Führung Gottes nachgeht.

Seid barherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist – das Wort Jesu ist kein moralischer Apell sondern vielmehr eine Erinnerung daran, dass auch wir Barmherzigkeit und Gnade erfahren haben und erfahren werden.

Gott vertrauen können, weil er sich in Wahrheit und Liebe gezeigt hat – das ist die große Hoffnung des kleinen Senfkorns, das aufgehen will. Zunächst wächst es nach innen. Dann bricht es auf nach oben und verwurzelt – nicht im Toten sondern im lebendigen Erdreich als Symbol für eine ganz reale Wirklichkeit.

Die Werke der Barmherzigkeit sind nicht nur moralische Akte. Es sind zugleich Christusbegegnungen und sie haben einen Namen. Darum bleiben sie auch Zeugnisse für die Anwesenheit Jesu in dieser Welt. Ihre Ursache ist das Evangelium, das sich für den Lebensweg eines jeden Menschen öffnet. Es ist eine Oase des Aufatmens für Herz und Seele und ein fester Anker für den Glauben als Grundbestand der Menschlichkeit. Wenn es in ein Leben eindringt, dann orientiert sich das Leben neu.

Und so darf es im Jahr 2021 auch sein. Die Welt des barmherzigen Vaters beginnt, wo das Wort Jesu zu barmherzigen Schritten führt.

Superintendent Harald Pepel


https://www.diakonie-westsachsen.de/wir_informieren_jahreslosung_2021_de.html